Die unheimliche Ambiguität von KI - und wie damit umgehen?

Vor Kurzem in einem Gespräch mit einem Freund aus der Berliner Filmblase: Anklage wegen Hochverrats. Wie kann man nur KI-Filme machen? So ein Schrott. Und die Büchse der Pandora an moralischen Verwerflichkeiten öffnete sich. Am selben Tag: Ein Gespräch mit einer Kundin, die dank KI endlich eine Video-Kampagne starten kann, die sie sich vorher nicht leisten konnte.

KI-generiertes Bild für ein Ki-Video von AI artist Anna di Luce

KI-Video-Still: "Your Best Life" von Anna di Luce | Komposition aus Midjourney, Seedream und Nano Banana

Täglich wandere ich den schmalen und holprigen Grat zwischen dem unheimlich schlechten Gewissen, dass ich mit meiner Arbeit ruchlosen Tech-Giganten goldene Münzen in den Rachen werfe, und der hässlich nackten Notwendigkeit, wirtschaftlich zu überleben.

Zwischen eigenem Anspruch
und Survival-Mode

Dabei startete ich doch einst mit wehenden Fahnen und dem Anspruch, die Welt zu verbessern, in mein Filmstudium.
Mein Leben lang habe ich den Status Quo bekämpft: Dieses System, das die Ausbeutung unserer Ressourcen begünstigt. Diese Bildwelten, die ein einseitig geprägtes Schönheitsideal verkaufen. Als unsichere Teenagerin, als Frau im Berufsleben, als alleinerziehende Mutter - überall litt ich unter den Mechanismen dieser Paradigmen, habe sie mit jeder Pore meines Schaffens angeklagt. Alleine, unsichtbar, so irgendwie vor mich hin.

Denn: Auf der anderen Seite musste ich als Alleinerziehende eine Stange Geld verdienen. Den Luxus, Dokumentarfilme über den furchtbaren Zustand der Welt zu drehen, konnte ich mir nicht leisten. Die großen Projekte, die mir eine Bühne und eine Stimme gegeben hätten, konnte ich nicht annehmen. Kunst, Philosophie, Diskussion - zahlte mir nicht die Miete. Ich führte meinen Protest im Kleinen fort: In der Erziehung meiner Tochter zu einer lebensbejahenden, kritischen, starken Persönlichkeit, und indem ich jede Person, die ich treffe, mit Positivität und Optimismus infizieren will. (Und ihnen was vom Patriarchat erzähle. Meistens gefragt.)

Die wehenden Fahnen niedergelegt

Wie also umgehen mit dem ambivalenten Gefühl, dass ich mit den Möglichkeiten der  KI-Videogeneration  zum ersten Mal seit langer Zeit meine Fähigkeiten sichtbar machen kann - und auf der anderen Seite ein menschen- und umweltverschleißendes System unterstütze?

Mein Verstand sträubt sich gegen den Gedanken, diese Entwicklung zu bekämpfen. Der Grund: Wahrscheinlich Resignation. In meiner 23-jährigen Erfahrung als erwachsener Mensch hat es einfach noch nie etwas gebracht. Egal wie viel Protest, wie groß die Aufruhr, wie klar die Argumente: Das menschlich Sinnvolle setzt sich nicht durch. Sondern wirtschaftliche Interessen. Was günstiger ist, was effizienter ist, was Unternehmen nützt. KI-Videos und alles was damit einher geht, wird in den Markt gepresst werden, niemand wollte es, niemand brauchte es, aber es wird kommen. Auch meine Arbeit als Texterin wurde durch KI bereits wegrationalisiert. Ja, bei einigen Berufsbildern wird der Bedarf sinken.

Doch ich werde meine Energie nicht damit verschwenden, diese bereits geschaffenen Fakten anzuklagen und zu bejammern. Kapituliere ich?

Ai generated image of a hippo eating fast food by ai artist anna di luce

KI-Video-Still: "Your Best Life" von Anna di Luce | Komposition aus Midjourney, Seedream und Nano Banana

Gelingt eine Revolution von innen?

Vielleicht suche ich nur andere Wege, um meine Mission weiter zu führen. Denn, was liegt wirklich in meinem Handlungsspielraum? Die Realität annehmen und den Umgang damit aktiv mitgestalten. Ich beginne mal wieder im Kleinen, mit meinen Prompts - in denen ich versuche, wo es geht, nicht den “Male Gaze” wieder zu reproduzieren, sondern diverse Charaktere zu erschaffen. Denn KI-Tools können andere Körpertypen und Gesichter ausspucken - wenn man sie dazu anweist. Ich versuche, in meinem Kreis wirksam zu sein, indem ich eine positive und lebensbejahende Grundhaltung in all meine Geschichten einfließen lasse - und keinen Hass, sondern gesellschaftlichen Zusammenhalt verbreite. Den Blick auf das lenken, was funktioniert und uns verbindet - nicht auf das, was uns spaltet. Und indem ich ein neues Business-Modell auf die Beine stelle, das vielleicht in Zukunft Arbeitsplätze schafft.

Im Kopf höre ich die Stimme meines Filmkollegen: Aber was ist mit der drohenden, disruptiven Gefahr für unsere Demokratie? I hear you! Denn die viel größere Gefahr, die von der KI ausgeht, sind nicht die glattgebügelten Models mit anorexie-förderndem Boy-Mass-Index - die haben wir schon, seit Männer Bilder machen. Da wiederholt sich die Playlist. Die Gefahr ist natürlich die Masse an diesen Bildern und an Fake-Content, der in unsere Social Media Kanäle gespült wird, und dazu genutzt wird, die Gesellschaft zu spalten, Hass zu verbreiten und die Demokratie zu destabilisieren. Eine faschistoide Haltung, die seit Jahren über unsere Screens in die Gesellschaft einsickert und wie ein steter Tropfen auch eigentlich “gutwillige” Bürger moralisch aushöhlt. 

Ein Happy End für KI und Mensch?

Aber muss immer alles, was mit KI zu tun hat, in einem apokalyptischen Katastrophenszenario enden? Vielleicht sollten wir die KI-Krise wie eine Midlife-Crisis sehen: Das, was bisher für uns mit zwei zugedrückten Augen super funktioniert hat, wird in Frage gestellt - weil es eigentlich gerade krachend gegen die Wand fährt. Ein zur Selbstreflektion neigender Mensch würde jetzt in eine Therapie gehen und die eigenen Glaubenssätze hinterfragen, den Kern ausgraben und dann mal anfangen, gesunde Grenzen zu setzen.

Damit uns das Thema KI nicht völlig um die Ohren fliegt, gibt es Lösungsansätze, von denen ich einige provokativ in den Raum stelle:

  • Die Regulation von Social Media

  • Ein KI-Führerschein zur Nutzung der Programme

  • Geschlossene EU-Dateninfrastruktur und ethische Leitlinien

  • Schaffung einer neuen Vision für die veränderte Arbeitswelt 


Es sprengt den Rahmen dieses Blogeintrags, die komplizierten Implikationen und Umsetzungsschwierigkeiten solcher Ideen zu diskutieren. Aber das sind die gesellschaftlichen Lösungsansätze, auf die ich gerne meine Energie verschwenden würde. Keine Diskussionen über die Umbenennung von Fleischersatzprodukten. Oder das Rückgängig-Machen des Verbrenner-Aus. Oder wie wir Jobs für Fashion-Models retten können. Ich möchte progressive Vorschläge sehen, echten gesellschaftlichen Fortschritt, ein Europa, das für seine Werte einsteht und Ideen für den Umgang mit dem Wandel hat.

An ai generated image of a happily married hippo and grandma by creative director Anna di Luce

KI-Video-Still: "Your Best Life" von Anna di Luce | Komposition aus Midjourney, Seedream und Nano Banana

Irgendwo dazwischen liegt dann vielleicht auch die Chance, mit KI-Filmen etwas Positives zu bewegen. Und ganz optimistisch denke ich auch: Echte Filme werden nicht aussterben. Die Menschen werden sich gerade wegen dieser Hyperdigitalität nach Authentizität, Imperfektion und wahren Erlebnissen sehnen. Am Ende ist die Produktion von Filmen mit KI nur ein weiteres Tool im Werkszeugkoffer, das die Palette der Ausdrucksmöglichkeiten erweitert. Vielleicht können wir friedlich ko-existieren, wir und die KI.

— Anna di Luce, AI-powered Creative Director
Aktualisiert: 24.10.2025

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Case Study: KI-Film für einen Online-Händler